Institut für Kunstgeschichte

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Die Architektur der alten Stadt

Die Architektur der alten Stadt:
Konzepte der Stadtsanierung und Stadterhaltung in der deutschsprachigen und italienischen Debatte um 1900 am Beispiel von Florenz und Frankfurt am Main

Gefördert durch den SNF
Laufzeit: Febr. 2012–Jan. 2014
Leitung: Prof. Dr. Bernd Nicolai
Bearbeiter: lic. phil. Melchior Fischli

Das Forschungsprojekt befasst sich mit Sanierungs- und Restaurierungskonzepten für Altstädte, wie sie in den Jahren um 1900 praktisch gleichzeitig in den Denkmalpflegedebatten verschiedener europäischer Länder entwickelt und diskutiert wurden. Diese werden vergleichend an der deutschsprachigen und italienischen Debatte untersucht, wobei einer Darstellung der zeitgenössischen Diskussion in der Fachliteratur zwei exemplarische Fallstudien zu Stadtumbaumassnahmen und Sanierungsprojekten gegenübergestellt werden. Gegenstand ist dabei zum einen die Umgestaltung des Stadtzentrums von Florenz zwischen ca. 1880 und 1905, zum anderen die Anlage neuer Strassendurchbrüche in der Altstadt von Frankfurt am Main zwischen ca. 1890 und 1910.
In den Jahren um 1900 ist ein Wandel im Umgang mit den alten Städten zu konstatieren. Hatte man zuvor lediglich Einzelbauten einen Denkmalswert zugesprochen, mehrten sich kurz vor 1900 im Zeichen eines wachsenden Interesses für die historische Bedeutung und die ästhetischen Qualitäten alter – meist mittelalterlich geprägter – Städte die Bemühungen um deren Erhaltung. Das ausdrückliche Ziel bestand dabei darin, die Forderungen nach einer baulichen Modernisierung mit einer Erhaltung der charakteristische Merkmale der Stadt zu vereinbaren. Gerade solche Bemühungen führten aber oft zu massiven – restauratorisch verstandenen – Eingriffen in Bild und Substanz der alten Städte. So zeigt sich das Bild zahlreicher Altstädte heute wesentlich auch durch Eingriffe geprägt, welche seit dem frühen 20. Jahrhundert mit der ausdrücklichen Absicht umgesetzt wurden, die Städte in ihrem Charakter zu erhalten.
In den beiden für die Untersuchung gewählten Fallbeispielen Florenz und Frankfurt am Main zeigt sich ein entsprechender Wandel in der Haltung gegenüber der Altstadt im gleichen Zeitraum von rund fünf Jahren. Sie können damit als Ausgangspunkt dienen, um die in den Jahren um 1900 gerade im deutschen Sprachraum und in Italien geführten und nur vordergründig scharf nach Sprachregionen trennbaren Debatten gleichermassen in den Blick zu nehmen. Mit dem Wechsel zwischen gewissermassen nah- und fernsichtigen Untersuchungen soll dabei oft festzustellende Trennung zwischen der überregionalen Fachdiskussion und den jeweiligen lokalpolitischen Auseinandersetzungen vermieden werden.
Auf dieser Grundlage wird in der Untersuchung nach den Wechselwirkungen zwischen Vorstellungen der Stadt einerseits und der Praxis des baulichen Umgangs mit den Städten anderseits gefragt. Zum einen werden die um 1900 entwickelten Strategien des baulichen Eingriffs in Altstädte typologisch analysiert und mit einer Untersuchung der theoretisch formulierten Sanierungskonzepte konfrontiert, um so zeitgenössische Denkfiguren des Umgangs mit der Altstadt herauszuarbeiten. Zum anderen und abschliessend werden die Debatten um die alten Städte auf ihre Bedeutung in der zeitgenössischen Kultur befragt, wobei den Resultaten aus den beiden untersuchten Fallstudien besonderes Gewicht zukommt.