TransMediterraneanStudies

Profil

Die Forschungsstelle TransMediterraneanStudies ist in der Abteilung für Ältere Kunstgeschichte der Universität Bern angesiedelt, eine der fünf Abteilungen des Institutes für Kunstgeschichte. Ein spezielles Graduiertenprogramm dient dazu, den Austausch von Strategien in Lehre und Forschung zu fördern und die Lehrveranstaltungen der Abteilung für Ältere Kunstgeschichte an die Forschungsstelle anzubinden. Ein enger Austausch mit den übrigen Lehrstühlen des Institutes soll auf der Basis gemeinsamer Workshops und Teilprojekte gewährleistet sein. Die Aufgabe der Forschungsstelle ist es, die Universität Bern als ein Forum für interkulturelle Mittelmeerstudien zu etablieren und mit anderen internationalen Institutionen wie den Max-Planck-Instituten in Italien und außereuropäischen Forschungszentren zu vernetzen, die den transmediterranen Kultur- und Wissenstransfer in Bildender Kunst, Literatur, Sprache und Wissenschaftsgeschichte fördern.

Methoden und Zielsetzungen

Die Projektarbeit der Forschungsstelle basiert auf einem inter- und transdisziplinären Wissenschaftsverständnis. Sie agiert auf drei Strukturebenen, die sich zeitlich und methodisch überlagern und synergetisch ergänzen.

  1. Die TransMediterraneanStudies bedienen sich unter besonderer Berücksichtigung der jüngeren sozialanthropologischen Forschungen komparativer Methoden. Fragestellungen werden synchron und regional übergreifend auf verschiedene Objektgruppen aus Bildender Kunst, Quellenliteratur, Kunsthandwerk und Kunstgewerbe in geographischen Randgebieten des Mittelmeerraums angewendet. Dabei definiert sich "Rand" nicht als eindimensionale Grenzlinie, sondern als Summe topographisch beschreibbarer Kulturräume jenseits nationalstaatlicher Grenzen. Der Mittelmeerraum dient immer nur als Exemplum. Hier herausgearbeitete Konstanten können als Variable im transmediterranen Raum von Gibraltar über den Bosporus bis zum Kaspischen Meer heuristische Funktionen erfüllen. Aus der disparaten Schnittmenge der Artefakte und ihrer dynamischen, zentrifugalen Verortung schöpfen die transmediterranen Studien ihre erkenntnistheoretische Essenz.
  2. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Foliierung von Verhaltenskulturen, die die Artefakte vom Mittelalter bis zur Moderne über ihre Urheber und Protagonisten generieren. Die zu bearbeitenden Kulturräume des Mittelmeers zeichnen sich durch spezifische Verhaltenscodices aus, die bedingt sind durch tief verwurzelte emotionale Bindungen an Traditionen und Legenden wie die Ritualisierung von Ehre, Respekt, Blut und - selbst in städtischen Kontexten - die Sakralisierung von Urmutterschaft, Patriarchat und der eigenen terra. Diese sich zunächst ausschließenden, indigenen Substanzen erzeugen im "Reagenzglas" eines einzelnen Kulturraums Identitäten und damit Verhaltenskulturen, die im Vergleich mit gleichzeitigen oder einander folgenden Phänomenen anderer Kulturräume sichtbar gemacht werden können.

    Basisfunktionen von Kunst werden beschreibbar, wenn sie mit ethnisch, sprachlich und religionspolitisch unterschiedlichen Identitäten konterkariert werden. In diesem Kaleidoskop sich überschneidender Folien, spiegelnder und brechender Bilder, beginnt eine Funktionsanalyse von Kunst erst zu greifen. Wechselt ein Artefakt seinen Ort, unterliegen seine vom Sender auferlegten Funktionen einem Transformationsprozess, der wechselseitig auch den Empfänger verändert (und vice versa). In diesen osmotischen, transformativen Räumen, die im Mittelmeer zwischen Meerengen, Inseln, Küsten, Hafenstädten und deren Hinterland seit vorgeschichtlicher Zeit bestehen und nachgewiesen werden können, erhalten die Zielgruppen künstlerischer Produktion in ihren sozialen, ökonomischen und wahrnehmungsspezifischen Kontexten Identität, sie werden identifizierbar und gewinnen Kontur. Jenseits klassischer Künstlergeschichte entsteht so ein Begriff von Kunst, die sich materiell und ästhetisch - als Schatzkunst, Sammlung von Ausstellungsobjekten oder als Ware - im Achsenkreuz zwischen Sozial-, Auftraggeber- und Ereignisgeschichte bewegt.
  3. Ein Ausgangspunkt für die Rezeption mittelalterlicher und frühmoderner Kunst liegt in ihrer aktuellen Musealisierung. Es sollen im Rahmen von Teilprojekten sammlungsgeschichtliche Schwerpunkte einzelner Kulturräume erschlossen werden. Kunstmuseen und Sammlungen ethnographischer, geologischer und botanischer Objekte, die an der Peripherie kultureller Zentren liegen, werden bevorzugt erfasst. Besonderes Augenmerk gilt dabei Artefakten, die aus konservatorischen Gründen nur schwer zugänglich sind, wie zum Beispiel Elfenbeine, Gläser und Textilien. Musealisierung findet nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum statt, an Gebäuden, Denkmalen, Brunnen und in Gärten. Hier ist zu fragen, wie cultural heritage gerade in Randgebieten präsentiert und vermittelt wird. Der Grad der Erschließung soll ebenso wie die Bindung an politische Institutionen und Universitäten in einer Datenbank archiviert werden. Der konservatorische Zustand der Objekte wird wie alle anderen Charakteristika in einer virtuellen Mittelmeerkarte mit fotografischen Links verzeichnet. Diese Karte dient als Grundlage für die weitere wissenschaftliche Vernetzung mit Partnern aus den Anrainerstaaten des Mittelmeers.