Institut für Kunstgeschichte

Forschungsprojekte

Otto Rudolf Salvisberg

Otto Rudolf Salvisberg – Architekt der Moderne Berlin • Bern • Breslau • Basel • Zürich

Otto Rudolf Salvisberg (1882–1940) gehörte als Schweizer Architekt zu den herausragenden Exponenten moderner Architektur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit der seinerzeit verdienstvollen Ausstellung am gta/ETH 1985 durch Claude Lichtenstein u.a firmiert Salvisbergs Werk unter dem Schlagwort der „anderen“ Moderne, was wie ein Verdikt zu verstehen war und bis heute nachwirkt.

Suva-Haus, Bern (1930-31), Foto: Bernd Nicolai

Ziel des Forschungsprojektes ist es, Salvisbergs Bedeutung als einem der wichtigsten Schweizer Architekten des 20. Jahrhunderts, insbesondere für eine städtische Architektur der Moderne zwischen Berlin, Bern und Zürich neu herauszuarbeiten und im Kontext der europäischen Architekturentwicklung zu präsentieren. Dadurch wird erstmals Salvisbergs eminente Rolle sowohl in der Berliner Architekturszene der zehner und zwanziger Jahre als auch sein nachhaltiger Einfluss auf die Schweizer Architektur der vierziger und fünfziger Jahre als Gesamtphänomen deutlich werden.

Geschäftshaus Prächtel, Berlin-Mitte (1912), Foto: Moderne Bauformen 1914
Lory-Spital im Bau, Bern (1928), Foto: gta/ETH Zürich

Bereits Salvisbergs Tätigkeit in Berlin mit ersten spektakulären Bauten ab 1912 muss als ein Markstein innerhalb der Reformarchitektur einer frühen Moderne vor dem Ersten Weltkrieg gesehen werden. Seine Bauten der zwanziger Jahre im Rahmen des Neuen Bauens sowohl in Bern (Suva-Haus, Bern; Naturwissenschaftliche Institute, Uni Bern; Lory-Spital, Säuglings- und Mütterheim Elfenau) als auch in Berlin (Weisse Stadt, Haus der Deutschen Krankenversicherungs AG) machten ihn international bekannt und führten 1928 zu seiner Berufung an die ETH Zürich als Nachfolger von Karl Moser. In seiner Funktion als Hochschullehrer hat er nicht nur die Architekten der Schweizer Nachkriegsmoderne mit ausgebildet und geprägt, sondern auch herausragende Bauten der Moderne in den dreissiger Jahren errichtet (Maschinenlaboratorium und Fernheizkraftwerk ETH, Haus Salvisberg, Zürich, Zusätzlich gelang es ihm, mit den heute weitgehend unbekannten Bauten für den Chemiekonzern F. Hoffmann-La Roche in Basel nicht nur einen bedeutenden Beitrag zum Industrieverwaltungsbau der 1930er Jahre zu leisten, sondern auch eine architektonische  Corporate Identity für ein Pharmaunternehmen zu etablieren. Hervorzuheben ist zudem die typenprägende Bedeutung von Salvisbergs letztem Werk, der „Bleicherhof“ in Zürich, mit dem er den Geschäftshausbau der 1940er und 1950er Jahre in Europa maßgeblich beeinflusste.

Seit der Ausstellung 1985 hat sich unser Blick auf die Moderne als eine vielschichtige, international vernetzte  Bewegung verändert.  Zudem ist es mittlerweile möglich, viele seiner ehemals in Ostdeutschland, Tschechien oder in Polen befindlichen Bauten umfassend zu erforschen und damals unzugängliche Quellen auszuwerten (z. B., Wrocław, Architekturmuseum, Bauaktenarchive im ehem. Ost-Berlin). Gesamtkomplexe wie F. Hoffmann-La Roche können erstmals als Phänomen einer modernen Industriearchitektur analysiert werden.  Es ist gelungen, nicht nur auf breiter Basis die Quellenbearbeitung sicherzustellen (gta Archiv ETH Zürich, Historisches Archiv Roche Basel), sondern für eine 2020/2021 geplante Ausstellung das Berner Historische Museum sowie das Bauhausarchiv in Berlin zu gewinnen.