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Interview mit Martin Waldmeier

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Interview mit Martin Waldmeier

Martin Waldmeier, 1984 in Basel geboren, hat in Bern, Zürich, Chicago und London Kunstvermittlung und Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Moderne und Gegenwart studiert. Von 2009 bis 2012 war er Student im Monomaster Curatorial Studies am IKG. 2016 wurde er am Goldsmiths College der University of London mit einer Arbeit unter dem Titel “The Artist as Translator” promoviert. Seither war er als Lehrbeauftragter am National College of Art and Design in Dublin und am Sotheby’s Institute of Art in London tätig. Seit Februar 2018 ist er Kurator am Zentrum Paul Klee in Bern, wo er insbesondere für thematische Wechselausstellungen im Bereich Moderne und Gegenwart verantwortlich ist.
Von 2007 bis 2009 betreute er als Mitarbeiter des PROGR in Bern unter anderem das internationale Residency-Programm, und war von 2010 bis 2011 Kurator und interimistischer Leiter der Stadtgalerie. Waldmeier war in den vergangenen Jahren in Europa und den USA auch als freischaffender Kurator tätig. Für die in Frankreich, Spanien und Norwegen gezeigte Wanderausstellung “The Translator’s Voice” erhielt er den FRAC/MARCO/SFKM Award for Young Curators 2014. Waldmeier war Empfänger eines Fulbright-Stipendiums, Junior-Preisträger des Verbands der Schweizer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker (VKKS), und Stipendiat des Schweizer Nationalfonds.

Weshalb haben Sie sich für das Masterstudium Curatorial Studies in Bern entschieden?

Diese Studienwahl ergab sich mehr oder weniger natürlich aus meinem vorhergehenden Studium. Schon zu Beginn meines Bachelorstudiums der Kunstvermittlung an der HKB wusste ich, dass ich künstlerische Praxis und theoretisch-wissenschaftliche Reflexion verbinden wollte. Der Studiengang an der HKB erlaubte es mir, Kunstgeschichte am IKG im Nebenfach zu absolvieren – ein meines Wissens in der Schweiz einzigartiges hochschulübergreifendes Angebot im Kunstbereich. Die kritische und analytische Herangehensweise am IKG gefiel mir, und darauf wollte ich im Master weiter aufbauen.

Sind Sie durch Ihr Bachelorstudium, Beruf oder Praktika bereits mit dem Gegenstand des Masterstudiums in Berührung gekommen?

Als ich das Masterstudium Curatorial Studies am IKG aufnahm, war ich bereits mitten im Arbeitsalltag mit Problemen und Herausforderungen des Kulturmanagements und der Kulturvermittlung konfrontiert. Ich war damals Assistenzkurator am PROGR und arbeitete dort neben dem Vollzeit-Studium noch zwei bis drei Tage die Woche in der Betreuung des Residency-Programms oder in Ausstellungs- und Katalogprojekten mit. Nicht selten hörte ich Bedenken, ich würde mein Studium vernachlässigen.

Haben Sie das Masterstudium mit dem Ziel aufgenommen, im Museumswesen zu arbeiten?

Nicht wirklich. Ein genaues Berufsziel hatte ich nicht. Ich dachte damals eher an kleinere Ausstellungsräume, Galerien oder Kunsthallen. Als ich 2010 Kurator und interimistischer Leiter der Stadtgalerie wurde war es für mich ein Traumjob. Ich war vor allem in der lokalen Kunstszene unterwegs; die grossen Häuser schienen mir weit entfernt, und Kontakte zwischen den beiden Welten gab es eigentlich nur wenige.

Auf welche Fachbereiche haben Sie Ihr Studium konzentriert? Was war ausschlaggebend dafür?

Ich habe mich fast ausschliesslich auf die Moderne und Gegenwart fokussiert. Mich interessierte immer Kunst, die sich mit der modernen Lebenswelt beschäftigt; die Zeugnis ablegt und Geschichten erzählt. Ausschlaggebend dafür war sicherlich auch mein sehr breites Interesse an den Geistes- und Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie, der Psychologie, der Sprache und der politischen Philosophie. Je zeitgenössischer, desto enger verwoben schienen mir die Disziplinen, desto offener die Diskussionen, desto grösser die Interpretationsspielräume.

Inwiefern wirkt sich die sog. forschungsorientierte Ausbildung des Studiengangs in Ihrer Arbeit aus?

Die methodische und analytische Herangehensweise an Objekten oder Bilder rigoros zu üben scheint mir nach wie vor sehr wertvoll. In den letzten Jahren habe ich in London und Dublin als Dozent gearbeitet und war überrascht darüber, wie viele Masterstudierende sich zwar bestens in Kulturtheorien auskennen; dem Werk selbst und seiner ganz eigenen Logik jedoch oft nur wenig Beachtung schenken. Die forschungsorientierte Ausbildung an der Universität vermittelt wertvolles methodisches Wissen, scheut aber manchmal etwas die Vermittlung oder Diskussion von grösseren Zusammenhängen, offenen Fragen und „grossen Themen“ – wie zum Beispiel der Sinn und Zweck von kunsthistorischer Forschung überhaupt; oder das Verhältnis von Kunst, Politik und Gesellschaft.

Haben sich aus den Inhalten des Studiengangs kritische Fragen an den Gegenstand Museumswesen oder Kuratorisches Arbeiten ergeben?

Auf jeden Fall, wobei bei mir die Erfahrungen aus der eigenen praktischen Tätigkeit fast immer prägender waren als theoretische Studieninhalte. Darüber hinaus denke ich, dass man auch von einem Masterstudium nicht erwarten kann, dass einem dort diejenigen kritischen Fragen vermittelt werden, die einen auch Jahre später noch beschäftigen. Zwar wurden viele interessante Fragen gestellt. Ich denke aber, dass man das Tätigkeitsfeld zuerst selbst in der Praxis erfahren muss, um eine wirklich eigene kritische Haltung zu entwickeln. In meinem Fall hat das Jahre gedauert. Ich muss zugeben, dass die wesentlichsten kritischen Fragen für mich eigentlich erst im Laufe meines Doktoratsstudiums entstanden sind.

Könnten Sie bewerten, wie wichtig die mit den Zielen des Studiums verbundenen Fähigkeiten  (Untersuchung komplexer historischer Zusammenhänge, Kritische Anwendung kunsthistorischer Methoden, Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten, Beherrschung wissenschaftlicher Grundlagen im Ausstellungs- und Museumswesen) für Ihre Arbeit sind?

Diese Fähigkeiten sind zweifellos wichtig. Gleichzeitig ist aber die Tätigkeit des Kurators so komplex, dass auch noch viele weitere Fähigkeiten gefragt sind, die von einem rein wissenschaftlichen Studium nur schwer abgedeckt werden können. Genauso wichtig wie das Verständnis komplexer historischer Zusammenhänge oder das Beherrschen wissenschaftlicher Grundlagen sind Kreativität und Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit, Sprachgewandtheit und Unternehmergeist, und natürlich ein gutes Auge für gute Kunst. Die Zeit des Kurators als Verwalter oder „Pfleger“ von Sammlungen ist zunehmend vorbei – gefragt sind Ideen. Und für fundierte Ideen, die auch der Kritik standhalten können, ist eine starke wissenschaftliche Ausbildung unersetzlich.

Kristallisierte sich das Thema Ihrer Dissertation aus dem Studium heraus („The Artist as Translator“)?

Das Studium vermittelte mir Methoden, Referenzen und Vokabular. Das Thema selbst kristallisierte sich aber aus meiner Arbeit sowie meinem Studium als Fulbright-Fellow am Art Institute in Chicago heraus. Am PROGR und in der Stadtgalerie habe ich Künstlerinnen und Künstler aus Ländern wie Polen, Estland, Ägypten, Indien und Libanon betreut und bei ihrer Arbeit unterstützt. Ein Grundproblem von Residency-Programmen war immer die Frage, wie man eine erfolgreiche Begegnung von ausländischen Künstlern und lokalem Publikum gestaltet. Hier wurde ich mir dem Problem der Übersetzung erstmals bewusst. In Chicago war ich dann plötzlich für ein Jahr von jungen Künstlern aus der ganzen Welt umgeben, die sich oft mit der Forderung konfrontiert sahen, ihre eigene Herkunft bzw. ihre Kultur in ihrer Kunst zu thematisieren und zu „übersetzen“. In einem Seminar wurde ich beauftragt, den Text „Die Aufgabe des Übersetzers“ von Walter Benjamin vorzustellen. Bei der Lektüre stiess ich auf viele interessante Unterschiede zwischen der deutschen und der englischen Version dieses so viel gelesenen und zitierten Textes – und so ergab sich dann das Thema meiner Dissertation ...

Welche Aufgaben würden Sie Kuratorinnen und Kuratoren von Gegenwartskunst zuschreiben?

Es gibt so viele verschiedene Auffassungen der Kuratoren-Rolle wie es Kuratoren gibt. Ich denke, Kuratorinnen und Kuratoren der Gegenwartskunst müssen vor allem eine Haltung entwickeln – ein nachhaltiges Interesse und eine Leidenschaft, die dem eigenen Tun Sinn stiftet und der Öffentlichkeit etwas bietet. Darüber hinaus besteht gerade in der Gegenwartskunst ein wesentlicher Teil der kuratorischen Arbeit darin, mit den Kunstschaffenden direkt zusammenzuarbeiten. Dies als Dialog zu gestalten, der beide Seiten weiterbringt, finde ich wichtig.

Welche Fähigkeiten sind für Ihre Arbeit heute wichtig?

Eine der wichtigsten Fähigkeiten des zeitgenössischen Kurators ist meines Erachtens, mit der Kunst interessante Geschichten zu erzählen. Geschichten, die verständlich sind; die idealerweise über Zeitgeist, Trends und Moden hinausgehen und damit den menschlichen, den sinnlichen und den intellektuellen Aspekt der Kunst zugleich zur Geltung bringen. Viele ehrgeizige Kuratoren scheitern daran. Ebenfalls eine wichtige Aufgabe sehe ich darin, Fragen zu stellen und Potentiale zu erkennen. Was gibt es zu tun? Was möchten wir im Museum sehen? Wie könnte man die Dinge besser oder anders machen? Wie bringen wir neue Leute ins Museum? Als Kurator sollte man immer die Augen offen halten – und auch an Orten schauen, die sich Abseits des Kunstrummels befinden.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Kurator von Gegenwartskunst? Welche Art und Weise des Übersetzens leisten Sie?

Ich möchte Ausstellungen machen, die kleine und grosse Geschichten über das Leben und unsere Welt erzählen. Das ist für mich die Aufgabe der Kunst. Sie ist für mich eine Form der Wahrheitssuche, Wissenschaft mit subjektiven Mitteln, und gerade deshalb kann sie nicht immer schön sein. Was die Übersetzungsarbeit angeht: für viele wirkt die zeitgenössische Kunstwelt abgehoben, elitär und aufgeblasen. Oft, wie ich nach fünf Jahren in London leider sagen muss, mit gutem Grund. Was ich tun möchte, ist aus der boomenden zeitgenössischen Kunst etwas herauszufiltern, das Bestand hat, und dies so klar und interessant wie möglich zu vermitteln und mit kunst- und kulturgeschichtlichen und gesellschaftlichen Fragestellungen in Zusammenhang setzen. Eine meiner Aufgaben am Zentrum Paul Klee wird darin bestehen, Verbindungen zu schaffen zwischen der Kunst der klassischen Moderne und der Gegenwart. Meine erste Ausstellung wird sich mit dem Thema des Rausches und der Ekstase beschäftigen – einem universellen Thema, dem gerade in der von Rationalität und Selbstkontrolle geprägten Moderne eine kritische Rolle zukommt.

Welche Rolle spielt die praktische Erfahrung neben dem Studium?

Die war für mich mindestens so wichtig wie das Studium selbst. Ich möchte allen Studierenden der Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Moderne und Gegenwart empfehlen, selbst in der Praxis tätig zu werden – wie, spielt in meinen Augen eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Der Weg ist das Ziel. Und darüber hinaus würde ich allen empfehlen, wann immer möglich die Schweiz zu verlassen und sich mit anderen Geschichten, Erfahrungen und Fragen zu konfrontieren.

Welche Vorteile hat der Monomaster CS in Bern?

Der Studiengang ist klar kunsthistorisch orientiert, und vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt her bietet Bern ein sehr hohes Niveau. Zudem ist das Kunstobjekt selbst, seine Geschichte und seine Vermittlung im Museum der hauptsächliche Gegenstand des Studiums. Dadurch unterscheidet sich der Monomaster CS von anderen Studiengängen, wie sie zum Beispiel an vielen Kunsthochschulen im In- und Ausland angeboten werden. Dort wird oft weniger kunsthistorisches Wissen vermittelt und stattdessen die Praxis des Ideenfindens und des Kulturmanagements betont. Oft wird auch versucht, Curating besonders mit kritischen gesellschaftspolitischen Fragestellungen zu verbinden. Das kann sehr fruchtbar sein und war ein wichtiger Grund, weshalb ich von Bern ins Ausland wollte. Es kann aber auch dazu führen, dass die Kunst völlig in den Hintergrund tritt und sich einem akademischen Aktivismus und/oder kulturtheoretischen Diskursen unterwirft, die nur sehr wenigen Leuten verständlich sind. Ich bin auf jeden Fall froh, in meiner Ausbildung sehr viele verschiedene wissenschaftliche, intellektuelle und politische Ansätze erlebt zu haben, und möchte dies auch weiter so pflegen.

Programm (PDF, 359KB)

ERC Consolidator Grant

Globale Horizonte in der Kunst des Mittelalters

Beate Fricke wirbt einen ERC Consolidator Grant in Höhe von 2.4 Mio CHF für die Universität Bern ein. Mit Hilfe des Consolidator Grants will Beate Fricke gemeinsam mit ihrem Team mehr über die Bedeutung und die Funktion des Horizonts in der Malerei, der Kartographie und der Kosmologie herausfinden. Auf diese Weise werden kulturübergreifend mit Expertinnen und Experten, die an Universitäten und Museen im In- und Ausland arbeiten, neue methodische Herangehensweisen für die kunsthistorische Forschung entwickelt.

Global Horizons in Pre-Modern Art

Beate Fricke receives a Consolidator Grant (2 Mio EUR) from the ERC (European Research Council) for the University of Berne. The Global Horizons project will investigate the historical meanings and functions of the horizon in visual and intellectual cultures of the pre-modern world on a global scale. Examining how pre-modern cultures conceived of the horizon opens a crucial line of inquiry into understanding the many different ways in which humans have conceived of the relationship between an invisible cosmos and the visible world.

23.02.18: FORUM Denkmalpflege

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Vortrags- und Diskussionsforum des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Bern mit Unterstützung des Bundesamtes für Kultur, ICOMOS Schweiz, sowie den Denkmalpflegestellen von Stadt und Kanton Bern

22,3 Meter, oder wie weit reicht der Denkmalwert?
Solitär, Freifläche und Ensemble in Stadt und Land

Siebter Zyklus 2017/2018, veranstaltet und organisiert von Prof. Dr. Bernd Nicolai, Dr. Eva Schäfer und Dr. Marion Wohlleben

Frage, wie weit der Zeugniswert eines Baudenkmals über die Gebäudegrenze oder seine materielle Substanz hinausgeht.
Wie viel Abstand und wie viel Rücksicht braucht ein Baudenkmal, um nichts von seinem Denkmal- oder Zeugniswert zu verlieren? Hat ein Baudenkmal einen Wirkraum, der durch substanzielle Veränderungen oder Zerstörung den Zeugniswert des Denkmals beeinträchtigt oder zerstört? Verliert es dann graduell oder ganz an Bedeutung?
Anders als in Frankreich, wo eine generelle Distanz festgelegt ist, ist die rechtliche Situation in der Schweiz uneinheitlich. Sie bewegt sich zwischen Bau- oder Grundstücksgrenze, Schutzperimeter, Blickachsen und Sichtbeziehungen. Eine allgemein gültige Lösung gibt es nicht. Trotzdem muss die Frage nach der Reichweite des Zeugniswertes dringend geklärt werden, denn durch Verdichtung und Nutzungserweiterung zunehmend bedrängte Baudenkmäler werden schnell zu Fremdkörpern. Ist ihr geschichtlicher Kontext nicht mehr erkennbar und erlebbar, verkommen sie zu unverständlichen „Traditionsinseln“.

23. Februar 2018, 17:15 - 19:00h, Raum H120, Hauptgebäude
Melchior Fischli, lic. phil. Kunsthistoriker, Zürich: Das Ortsbild und seine Substanz.

Programm (PDF, 602KB)

Swiss Graphic Design and Typography Revisited

Seven Swiss universities engage in joint research into the history of Swiss graphic design and typography. With ‘Swiss Graphic Design and Typography Revisited’, the Swiss National Science Foundation (SNSF) is for the first-ever time supporting a project in the Sinergia programme in which researchers from seven Swiss universities will investigate the role and status of Swiss graphic design from today’s perspective.

It is divided into three sub-projects: ‘Principles of Education’, ‘Networks of Practice’ and ‘Strategies of Dissemination’. This three-year project will begin in October 2016 and is the biggest research collaboration established in the design field since the SNSF began its activities.

Press release (PDF, 36KB)